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Rezension: Ein Teelöffel Land und Meer




Mare Verlag ○ 522 Seiten ○ Kaufen?

Erster Satz
»Das folgende ist alles, was Saba Hafezi von dem Tag in Erinnerung hat, an dem ihre Mutter und ihre Zwillingsschwester für immer fortflogen, vielleicht nach Amerika, vielleicht in ein noch ferneres, noch unerreichbareres Land.«

Preis: 22,00€ (D)






Beschreibung

»Saba Hafezi ist elf Jahre alt, als zwei einschneidende Ereignisse ihr Leben verändern. Die Islamische Revolution zwingt Sabas wohlhabende christliche Familie dazu, Teheran zu verlassen und sich - fern von den prüfenden Blicken der Mullahs - auf ihre Ländereien in der Gilan-Provinz zurückzuziehen. Kurz darauf verschwindet ihre Mutter und ihre Zwillingsschwester Mahtab spurlos. Ihr Vater und die Nachbarn im Dorf behaupten, Mahtab sei bei einem nächtlichen Bad im Kaspischen Meer ertrunken und die Mutter sei bei dem Versuch, den Iran zu verlassen, festgenommen worden. Doch Saba glaubt an eine ganz andere Geschichte: Immer wieder erzählt sie ihrer besten Freundin Ponneh und dem Jungen Reza, den sie liebt, Episoden aus dem filmreifen Leben, das die beiden Vermissten inzwischen in den USA führen.
Als Saba erwachsen wird, muss sie sich jedoch den immer drängenderen Fragen stellen: Was ist Wahrheit und was ist Lüge? Darf Liebe ein Grund sein, sich selbst zu verleugnen? Und wann ist es an der Zeit, eigene Entscheidungen zu treffen und sein Schicksal in die Hand zu nehmen?
Ein kraftvolles, poetisches Debüt über Freundschaft, Treue und die Macht des Geschichtenerzählens.«


Zitat

Und was war so faszinierend an Soghras Heirat? Was brachte die Mädchen dazu, ihr auf der Straße hinterherzulaufen und neugierigen Freundinnen Geschichten über sie zu erzählen? Nun, der Mann, den Soghras heiraten sollte, war vierzig Jahre alt. »Bist du sicher, dass er vierzig ist? Vielleicht ist er ja fünfzig!«, sagte eine von ihnen, während sie den Laden des Mannes auf dem Marktplatz beobachteten. »Ist doch egal, ob er vierzig oder fünfzig ist«, erklärte Mahtab. Sie sagte immer alles im Brustton der Überzeugung. »Bei dreißig hört man auf zu zählen, dann bist du offiziell alt.«

Seite 356 | Zeile 12 - 22


Meine Meinung

Nun, ich muss gestehen, dass ich nach beenden des Buches erstmal nachdenken musste, was ich denn genau in der Rezension darüber schreiben würde. Es fällt mir schwer dieses Buch zu bewerten, weil ich denke, dass das was ich schreibe, dem Buch nicht gerecht werden kann. Ich bin selten von einem Buch so begeistert wie von diesem.

Diese einzigartige Geschichte spielt im Iran und beginnt im Sommer 1981. An jenem bestimmten Tag hat Saba ihre Schwester das letzte Mal gesehen und kurz darauf verliert sie ebenso ihre Mutter. Doch ihre Erinnerungen an diese Zeit sind unglaublich wirr und verschwommen. Nur einzelne Momente und Eindrücke bleiben ihr klar im Kopf. Die Menschen aus ihrem Dorf behaupten, dass ihre Schwester Mahtab bei dem Badeausflug im Meer ertrunken sei, aber wie ist das möglich, wo Saba sich doch daran erinnert wie jene auf dem Fischerboot, das sie beide aus dem Meer fischte, neben ihr saß und Lieder sang? Über ihre Mutter wird behauptet, dass sie ins Gefängnis gekommen sei, aber kann die junge Saba das tatsächlich glauben, wo sie doch an dem Tag, an dem sie aus dem Iran fliehen wollten, ihre Mutter mit Mahtab an der Hand das Flugzeug hat besteigen sehen? Das ganze Buch dreht sich um Sabas Leben und um die Geheimnisse ihrer Vergangenheit. Die Geschichte erzählt von der Zeit, nachdem Saba ihre halbe Familie verloren hatte und begleitet sie auf dem Weg des Erwachsenwerdens. Zwischen den Kapitel sind kleine "Zwischengeschichten" von verschiedenen anderen Personen in der Ich-Perspektive eingebaut. Das verleiht dem Leser einen zweiten Eindruck zum Geschehen, was alles umso interessanter macht. Ich weiß nicht mehr genau woher ich das habe, aber eine fiktive Person aus einer Serie sagte einmal "Es gibt lediglich zwei Berufe, die etwas für Personen tun können, die einen geliebten Menschen verloren haben. Das sind Detektive und Schriftsteller. Die Detektive sind in der Lage, verloren gegangene Informationen - vermutliche Beweggründe des Fortgehens, des Selbstmordes/ Mordes oder Ähnliches - herauszufinden und den Zurückgelassenen Trost zu spenden. Und nur Schriftsteller sind in der Lage, durch ihre Fantasie und Geschichten die Wunden der Zurückgelassenen zu lindern." Als ich dieses Buch las, fiel mir dieser Spruch wieder ein, denn im Grunde ist letzteres genau das, was Saba macht: Sie erfindet Geschichten über den verloren gegangenen Teil ihrer Familie, wie sie inzwischen ihr neues Leben in Amerika leben. Dazu benutzt sie das Wissen, das sie durch amerikanische Filme und Zeitschriften erhalten hat. Selbst wenn diese Geschichten der reinen Fantasie entspringen, haben sie für Saba eine große Bedeutung. Denn in ihrem Land hört man lieber schöne Lügen, anstatt der hässlichen Wahrheiten ins Gesicht zu sehen. Man bekam durch das Buch verschiedene Eindrücke vom Iran und wurde mit dessen Traditionen konfrontiert. Es war sehr interessant darüber zu lesen.

Der Schreibstil ist durchweg einfach zu lesen und hat einen poetischen und intellektuellen Hauch, den ich sehr ansprechend finde. Beim Lesen musste ich mich allerdings gut konzentrieren, um richtig in die Geschichte eintauchen zu können, was jedoch nicht schlecht gemeint ist.

Die Charaktere waren alle liebevoll ausgearbeitet und meine Lieblingsfigur war Khanom Mansuri, eine alte Dame, die bei der Erziehung von Saba mitwirkt und ihr unter anderem auch als "Ersatzmutter" dient. Manche Handlungsweisen der Charaktere konnte ich nicht nachvollziehen, aber wie sagt man so schön: Andere Länder, andere Sitten. Das Cover finde ich wunderschön gestaltet und ebenso wie der Titel ist es sehr passend. Die Blautöne sind sehr ansprechend und in der Buchhandlung würde es mir bestimmt auffallen. Am liebsten würde ich euch noch so viel mehr von diesem Buch erzählen, aber ich befürchte, dann würde ich zu viel spoilern.

Fazit: Eine sehr empfehlenswerte Geschichte, die ich allen mit Interesse daran nur ans Herz legen kann!

5 Sterne
★ ★ ★ ★ ★

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